

Gender Care Gap: Warum Frauen in sozialen Berufen doppelt kämpfen
Du arbeitest den ganzen Tag mit Menschen – und kümmerst dich abends auch noch um alles zu Hause? Wenn du in einem sozialen Beruf arbeitest, kennst du diese Situation wahrscheinlich nur zu gut. Nach einem langen Arbeitstag in der Pflege, Erziehung oder Sozialarbeit wartet zu Hause oft die nächste Runde: Haushalt, Kinderbetreuung, mentale Organisation des Familienlebens.
Was viele nicht wissen: Diese doppelte Belastung hat einen Namen – den Gender Care Gap. Und sie betrifft Frauen in sozialen Berufen besonders stark. Während andere Branchen über Fachkräftemangel und bessere Arbeitsbedingungen diskutieren, leisten Millionen von Frauen täglich einen unsichtbaren Doppel-Einsatz: professionelle Fürsorge im Beruf und unbezahlte Care-Arbeit im Privatleben.
Zeit, dass wir darüber sprechen – offen, ehrlich und mit dem Ziel, etwas zu verändern.
Was bedeutet eigentlich „Gender Care Gap"?
Der Gender Care Gap beschreibt den Unterschied zwischen Männern und Frauen bei der unbezahlten Sorgearbeit. Während der Gender Pay Gap die Lohnlücke zwischen den Geschlechtern misst, geht es hier um die Zeit und Energie, die für Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen, Haushaltsführung und emotionale Unterstützung der Familie aufgewendet wird.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Frauen in Deutschland leisten täglich durchschnittlich 52 Prozent mehr unbezahlte Care-Arbeit als Männer. Das entspricht etwa 1,5 Stunden zusätzlicher Arbeit pro Tag – oder einer ganzen Arbeitswoche pro Monat. Diese Zahlen stammen aus dem aktuellen Gleichstellungsbericht der Bundesregierung und zeigen: Care-Arbeit ist nach wie vor ungleich verteilt.
Besonders bemerkenswert: Diese Lücke schließt sich kaum, auch wenn beide Partner berufstätig sind. Selbst bei Vollzeit arbeitenden Paaren übernehmen Frauen den Großteil der häuslichen Sorgearbeit. Die Ursachen sind vielschichtig: traditionelle Rollenbilder, mangelnde staatliche Unterstützung bei der Kinderbetreuung und – nicht zuletzt – die systematische Unterbewertung von Care-Arbeit in unserer Gesellschaft.
Doppelte Belastung: Care-Arbeit im Job UND zu Hause
Für Frauen in sozialen Berufen bedeutet der Gender Care Gap eine besondere Herausforderung. Sie kümmern sich beruflich um Menschen – als Krankenschwester, Erzieherin, Altenpflegerin oder Sozialarbeiterin. Nach Feierabend beginnt oft die zweite Schicht: Kinder abholen, Abendessen zubereiten, Hausaufgaben betreuen, den nächsten Tag organisieren.
Sabine, eine Intensivpflegerin aus Berlin, beschreibt es so: "Manchmal frage ich mich, ob ich jemals richtig Feierabend habe. Im Krankenhaus sorge ich mich um die Patienten, zu Hause um meine Familie. Das Kümmern hört nie auf – und niemand fragt, wer sich eigentlich um mich kümmert."
Diese doppelte Care-Belastung ist besonders bei Frauen in Teilzeit und Schichtarbeit ausgeprägt. Viele arbeiten bewusst in Teilzeit, um Familie und Beruf vereinbaren zu können – und übernehmen dadurch automatisch mehr häusliche Aufgaben. Ein Teufelskreis entsteht: Weniger Arbeitszeit bedeutet geringeres Einkommen, was die traditionelle Rollenverteilung verstärkt und langfristig zu Altersarmut führen kann.
Hinzu kommt die emotionale Belastung, die oft übersehen wird. Frauen in sozialen Berufen tragen nicht nur praktische Verantwortung, sondern auch die mentale Last – sie denken an Geburtstage, organisieren Arzttermine, behalten den Überblick über Familien- und Haushaltsangelegenheiten. Diese unsichtbare Arbeit ist mental erschöpfend und gesellschaftlich völlig selbstverständlich geworden.
Warum soziale Berufe systematisch unterbewertet sind
Die Unterbewertung sozialer Berufe hat historische Wurzeln. Viele dieser Tätigkeiten entstanden aus traditionellen "Frauenrollen" und galten lange als natürliche Veranlagung rather than als erlernbare Fähigkeiten. Pflege, Erziehung und soziale Arbeit wurden als "Berufung" romantisiert – eine Haltung, die faire Bezahlung und professionelle Anerkennung erschwert.
Obwohl diese Berufe hohe fachliche Kompetenz, emotionale Intelligenz und körperliche Belastbarkeit erfordern, spiegelt sich das nicht in der Entlohnung wider. Eine Erzieherin verdient im Durchschnitt 20 Prozent weniger als ein Handwerker mit vergleichbarer Ausbildungsdauer. Diese Diskrepanz ist nicht zufällig – sie reflektiert die gesellschaftliche Geringschätzung von Care-Arbeit.
Der Fachkräftemangel in sozialen Berufen verschärft die Situation zusätzlich. Statt echter struktureller Reformen gibt es oft nur symbolische Gesten: Applaus für Pflegekräfte während der Pandemie, aber keine nachhaltigen Verbesserungen bei Bezahlung oder Arbeitsbedingungen. Die politische Lobby für soziale Berufe ist schwach, obwohl diese Tätigkeiten das Fundament unserer Gesellschaft bilden.
Was sich ändern muss – und wie wir Haltung zeigen können
Echte Veränderung braucht strukturelle Reformen auf mehreren Ebenen. Die Aufwertung sozialer Berufe muss mit besserer Bezahlung, verbesserten Arbeitsbedingungen und gesellschaftlicher Anerkennung einhergehen. Gleichzeitig brauchen wir eine gerechtere Verteilung der Care-Arbeit zwischen den Geschlechtern – sowohl im beruflichen als auch im privaten Bereich.
Als Personaldienstleister in der Gesundheits- und Sozialbranche haben wir bei biac eine besondere Verantwortung. Wir setzen uns aktiv für faire Arbeitsbedingungen ein: durch flexible Einsatzplanung, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglicht, durch transparente und gerechte Entlohnung und durch echte Wertschätzung der Leistungen unserer Mitarbeiterinnen.
Flexible Arbeitsmodelle können einen wichtigen Beitrag leisten. Wenn Pflegekräfte ihre Einsätze mitplanen können, wenn Teilzeit nicht automatisch Karriereende bedeutet und wenn auch Männer ermutigt werden, Careaufgaben zu übernehmen, entstehen neue Möglichkeiten. Wir glauben daran, dass Personaldienstleistung mehr sein kann als reine Arbeitsvermittlung – sie kann aktiv zu besseren Arbeitsbedingungen beitragen.
Wichtig ist auch, die Diskussion um den Gender Care Gap sichtbar zu machen. Solange diese doppelte Belastung als selbstverständlich gilt, wird sich nichts ändern. Wir müssen darüber sprechen – in Unternehmen, Familien und der Politik. Nur so können wir langfristig eine gerechtere Verteilung von Care-Arbeit erreichen.
Wertschätzen heißt auch verändern
Frauen in sozialen Berufen leisten einen doppelten Kraftakt: Sie sorgen sich professionell um andere Menschen und übernehmen überproportional viel unbezahlte Care-Arbeit im Privatleben. Diese Kombination ist nicht nur ungerecht – sie ist auf Dauer nicht nachhaltig und führt zu Burnout, finanzieller Unsicherheit und gesellschaftlicher Ungerechtigkeit.
Der Gender Care Gap ist kein individuelles Problem, sondern ein strukturelles. Die Lösung liegt nicht in besserer persönlicher Organisation oder mehr Dankbarkeit, sondern in grundlegenden Veränderungen: faire Bezahlung für soziale Berufe, gerechtere Verteilung von Care-Arbeit und gesellschaftliche Anerkennung für die Leistungen, die überwiegend von Frauen erbracht werden.